12.02.2019

BREXIT: Folgen für Österreich und die EU

Wissenschaftler der Uni Salzburg haben die internationalen Auswirkungen eines Brexit-Schocks auf ausgewählte Mitgliedstaaten der Eurozone und Großbritannien untersucht.

Der unerwartete Ausgang des Brexit-Referendums im Juni 2016 hatte deutliche Auswirkungen auf das makroökonomische Umfeld im Vereinigten Königreich. In den Jahren nach dem Referendum begannen Unternehmen und Finanzinstitutionen, die in mehreren EU-Mitgliedstaaten tätig sind, aber ihren Hauptsitz in Großbritannien haben, sich an die zunehmende Unsicherheit anzupassen.

Firmen reduzierten ihre Investitionsausgaben und veränderten ihre Personalpolitik. Dies führte zu einem Rückgang des privaten Konsums und hatte negative Folgen für die Firmen- und Konsumentenstimmung.

In dieser kurzen Forschungsarbeit untersuchen wir die internationalen Auswirkungen eines Brexit-Schocks auf ausgewählte Mitgliedstaaten der Eurozone und das Vereinigte Königreich.

Unsere Analyse geht von zwei Szenarien aus:

1.    Soft Brexit: Basierend auf einer Analyse der Bank of England (2018) erwarten wir einen eher schwachen Einbruch der Wirtschaftsaktivität in Großbritannien. Die Grundannahme dieses Szenarios ist, dass Großbritannien und die EU zumindest in einer abgeschwächten Form der Wirtschaftspartnerschaft verbleiben.

2.    Hard Brexit (no-deal Brexit): Wir verwenden die konservativen Schätzungen des zweiten Szenarios der Bank of England und skalieren unsere Ergebnisse entsprechend. Dies führt zu einem Einbruch der Wirtschaftsleistung in Großbritannien von rund 7,5 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahreswert.

Barrierefreiheit: Kurzbeschreibung des Bildes

Tabelle 1 zeigt die maximalen Effekte beider Szenarien. Beachtenswert sind die starken makroökonomischen Reaktionen in den einzelnen Ländern, mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums in Österreich um rund 4,5 und im Fall Deutschlands um 4,2 Prozentpunkte im Falle eines harten Brexit. Der Effekt auf die Inflation ist um einen vielfaches stärker als im Falle eines soft Brexit, wobei die Reaktionen in Frankreich (-0,41 Prozentpunkte) und Spanien (-0,59 Prozentpunkte) am ausgeprägtesten sind. Langfristige Zinsen und Aktienkurse fallen ebenfalls stark, mit einem substantiellen Effekt auf die italienischen Aktienmärkte. Dieser Effekt ist jedoch stark von der aktuellen Diskussion um das italienische Haushaltsdefizit und den starken internationalen Vernetzungen italienischer Banken getrieben. Das Britische Pfund wertet in einem no-deal Szenario gegen seine Handelspartner um rund 7,5% ab wohingegen der Euro leicht aufwertet.

Rechtliche und politische Implikationen

‚Hard Brexit‘ bedeutet, dass bis 30. März das Austrittsabkommen nicht ratifiziert ist und das Vereinigte Königreich ab diesem Zeitpunkt daher ein Drittland ohne besondere rechtliche Beziehungen zur EU wird. Tritt hingegen das Austrittsabkommen rechtzeitig in Kraft kommt es zu einer Übergangszeit bis Ende 2020, in der ein Abkommen über die zukünftigen Beziehungen auszuhandeln ist. In der Übergangszeit bleibt der status quo im Wesentlichen gleich. Allerdings scheiden die Vertreter des Vereinigten Königreichs aus allen EU-Organen aus.

Das aktuelle Haupthindernis für den Abschluss des Austrittsabkommens ist der sogenannte „Backstop“ für Nordirland. Nach dieser Regelung soll, wenn im Übergangszeitraum keine andere Lösung vereinbart wird, das Vereinigte Königreich weiterhin ein einheitliches Zollgebiet mit der EU bilden, und Nordirland darüber hinaus im Binnenmarkt verbleiben. Damit wäre gesichert, dass es keine harte Grenze zwischen Irland und Nordirland gibt. Gleichzeitig müsste es aber Grenzkontrollen zwischen Nordirland und dem Rest des Vereinigten Königreichs geben. Der Backstop ist eine – vorab vorsorglich vereinbarte – mögliche Variante eines ‚soft Brexit‘.

Das Ende oder zumindest die Reduktion der Unsicherheit kann nur durch eine politische Entscheidung über das Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien nach dem Austritt herbeigeführt werden. Doch in dieser Hinsicht bleiben 50 Tage vor dem Austritt noch wichtige Fragen offen. Während der ausgehandelte Vertrag eine deutliche Ablehnung im britischen Parlament erfuhr, tauchen nun neue Vorschläge vor allem zur Lösung des Backstops auf, deren Wirkungen umstritten sind.

Die Spaltungen innerhalb und zwischen den britischen Parteien, das zunächst dominierende Interesse von Labour und ihres Vorsitzenden Jeremy Corbyn am Sturz der Regierung, die variierenden Mehrheiten zu unterschiedlichen Positionen lähmten die Diskussion. Die von den EU-27 beklagten Verzögerungen in der britischen Präferenzformation haben die Unsicherheit kontinuierlich gesteigert. Wir erleben nun ein riskantes „chicken game“, in dem jene Seite den Sieg davonträgt, die am längsten die Nerven behält. Mit der Studie zu den ökonomischen Folgen verschiedener Brexit-Szenarien für Großbritannien und ausgewählte EU-Staaten wollen wir einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte leisten.

Zusammenfassung und Ausblick

Diese kurze Forschungsnotiz liefert vorläufige Erkenntnisse über die internationalen Folgen eines vom Brexit induzierten Unsicherheitsschocks. Im Einklang mit vorliegenden Resultaten anderer Studien dämpft ein solcher Schock die Investitionen in Großbritannien, was sich negativ auf das Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum auswirkt. Interessanterweise sind aber auch in den übrigen Ländern des Euroraums deutlich negative Auswirkungen zu verzeichnen. Zu den Herausforderungen für politische Entscheidungsträger auf höchster Ebene wird zählen, die negativen Auswirkungen der Produktion auszugleichen und gleichzeitig den disinflationären Druck zu bekämpfen.

In Anbetracht der evident negativen Folgen des Brexit sind auch Verwerfungen an den europäischen Aktienmärkten zu erwarten. Diese Effekte betreffen ebenfalls internationale Währungsmärkte, wobei das britische Pfund an Außenwert verliert und der Euro tendenziell aufwertet. Dieser Effekt führt zu einer Verteuerung der EU Exporte. Diese Verteuerung würde sich negativ auf die Exportaktivitäten auswirken und dies würde, in weiterer Folge, eine Abschwächung der Wachstumsdynamik bedingen. Darüber hinaus würden Importe günstiger werden, was zu einem erhöhten Deflationsdruck führen würde.

Foto v.l.n.r.: Professor Florian Huber, Professorin Sonja Puntscher Riekmann, Professor Stefan Griller. Fotonachweis: Peter Hautzinger

 

Mag. G. Pfeifer

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